Die Fotografie ist ein Bildmedium, ein Foto zeigt, was für die Gegenwart der Kamera wahrnehmbar war und ist, was diese als technisches Medium reproduziert – es ist eine Bestätigung der Zeitlichkeit, fixiert diese und ermöglicht zugleich einen zeitlosen Blick. Die Fotografie kann durch die bildnerische Darstellung die Wirklichkeit abstrahieren und damit andere Deutungen ermöglichen, bleibt jedoch immer gegenstandsbezogen. Ein Foto kann komponiert, sein ästhetischer Ausdruck gestaltet werden, der Fotograf bleibt dennoch auf das angewiesen, was er in der Wirklichkeit vorfindet. 

Ein Foto ist ein bildhafter Ausdruck des in der Alltagswelt Sichtbaren, es ist ein Dokument des Dagewesenen, ein Bildgebungsverfahren - mit Hilfe der Fotografie kann ich mir ein ´Bild von etwas machen´.  Das Foto zeigt etwas, was es gibt, auf den ersten Blick möglicherweise verborgen bleibt, es ermöglicht andere / neue Einsichten und Sichtweisen, ganz im Sinne eines Verständnisses von Fotografie als ein ´visuelles Forschungslabor´ (Bruce Barnbaum, 2014). 

Beim Fotografieren beobachte ich die Wirklichkeit, übe ich mich in einem kontemplativen Blick - das meditative Erfassen der Wirklichkeit lässt diese in einem neuen Licht erscheinen. Gelingt es, beim Betrachter als zentrales Interesse nicht den Wiederkennungswert einer Aufnahme in Bezug auf das fotografierte Motiv, sondern die emotionale Wirkung eines Fotos als Bild in den Vordergrund treten zu lassen, dann ist das Foto mehr als eine Dokument, es hat eine Wirkung als Bild und ist mehr als eine Abbild. 

Mir ist es bei der fotografischen Arbeit wichtig, ein Motiv über das Gegenständliche hinaus zu betrachten, es zu interpretieren, dem Motiv eine Bühne zu bereiten, die emotionale Befindlichkeit einfließen zu lassen, sich aller Sinne zu besinnen: “The eye should learn to listen before it looks.” (Robert Frank). Es ist der besondere Moment, das Erkennen der Bedeutung eines Augenblicks, die Ästhetik des Wahrnehmbaren und Wahrgenommenen, die erkannte Besonderheit, die Formensprache einer Situation, das Widersinnige, Widersprüchliche oder auch Harmonische, was meine Aufmerksamkeit erfasst und mich dazu bringt den Versuch zu unternehmen, das bildliche Potenzial des Sichtbaren durch die Möglichkeit der Fotografie in Szene zu setzen. 

Dabei bestimmt oftmals der Kontext eines Motivs dessen Auswahl - dieser kann jedoch für ein wirkungsvolles Foto nicht der wesentliche Maßstab sein, da der Betrachter und die Betrachterin keine Möglichkeit haben, sich das Foto aus dem Kontext zu erschließen, sondern einzig und allein auf das ihm / ihr so präsentierte Foto reagiert kann. Die Wirkung eines Fotos sollte daher kontextunabhängig sein, obwohl der Kontext den Rahmen stellt – dem Betrachter und der Betrachterin bleibt es überlassen, seinen / ihren eigenen Kontext mit der Wirkung eines Fotos zu verbinden und ihm so eine eigene Rahmung und ästhetische wie inhaltliche Deutung zu geben. In diesem Fall können Fotos Geschichten erzählen oder sogar eigene hervorbringen. 

Wenn ich ein beeindruckendes Foto machen will, dann müssen mir ´die Augen aufgehen´, ich muss begreifen , was das Auge sieht, fühlen können, welcher Ausdruck in einer Situation liegt, erkennen, welche ästhetische Form ein Bild ergibt: „Wir fotografieren etwas für das, was es ist, und für das, was es sonst noch ist.“ (Minor White) Ein Foto kann Details fokussieren, die Struktur betonen, die Formensprache hervorheben und so das Gegenständliche in den Hintergrund treten lassen, keinen unmittelbaren Maßstab und keine Orientierung an Bekanntes nahelegen. Die Darstellung der Wirklichkeit wirkt so ungewohnt, fremd, die Abstraktion übergreift das Gegenständliche. 

Fehlt die gewohnte Orientierung wirkt ein Foto irritierend, eine ungewohnte Perspektive, die Betonung ungewohnter Proportionen, die Aufteilung eines Bildes, Detailaufnahmen oder auch das abstrakte Vorbild eines künstlerischen Objektes lösen diesen Eindruck aus, der den Betrachter und die Betrachterin in eine besondere Schwingung versetzt. Fotografieren als kunstvoller Akt fasziniert mich: Die Lebenswirklichkeit bekommt einen ästhetischen Impetus, im Detail wird Neues sichtbar, manchmal das Ganze, der Augenblick eröffnet die Geschichte, die diesen prägt, der Moment ermöglicht im doppelten Sinne ein Innehalten.

Gelingt es, ´Ein Motiv zum Ausdruck dessen zu machen, was er gegenüber dem Motiv empfindet´ (Vgl. Bruce Barnbaum, 2014), dann wurde ein persönliches Kunstwerk geschaffen, was wahrscheinlich auch anderen Betrachtern eine Resonanzerfahrung ermöglicht. Fotografien sind im besten Fall Kunst, nämlich dann, wenn sie sich von der Wirklichkeit entfernen und zugleich einen anderen/neuen/unerwarteten Ein- Blick darauf zulassen.

Fotografieren bedeutet für mich, die Schönheit, Besonderheit und Eigentümlichkeit der Welt zu begreifen, im Detail wie in der Gesamtschau, Ästhetik verstehen und erfahren lernen. 
Fotos werden dem Fotografen geschenkt und dies geschieht nur, wenn die Haltung gegenüber der uns umgebenden Welt eine achtsame und die Würde des Anderen respektierende ist.
Durch die Möglichkeit, Motive aus einer fotografischen Perspektive auf die Realität darzustellen, ermöglicht dies für den Betrachter / die Betrachterin ein Innehalten; dieser Moment der ´poetischen Gegenwart´ ermöglicht ein Anderssein in der Welt, sensibilisiert die Wahrnehmung und eröffnet so weitere Perspektiven auf die Welt. 

Quellen:
Bruce Barnbaum: Die Essenz der Fotografie - Sehen lernen und bewusster gestalten, Dpunkt.verlag. Heidelberg 2014, S.10,  33